Milano e dolore

Es ist kein Unterschied ob man schiebt oder versucht zu fahren. Die Alpen zu überqueren per Fahrrad ist niemandem zu empfehlen. Mit einem Klapraad schon gar nicht!


Klapraad Milano>>>

Klappfahrräder sind zum cruisen geeignet. Mountenbikerouten führen zwar zum Ziel, können aber auch direkt in den Abgrund führen, vor allem mit entsprechendem Gepäck.

Mein Körper schreit vor Schmerz, ich habe mehrere tausend Höhenmeter passiert, eine Grenze überschritten in Sachen Sprache und Kultur und eigentlich will ich nichts mehr als eine Pause.Ich bin völlig am Ende. Meine Füße fühlen sich an als ob keine Haut mehr an den Sohlen existiert. Meine Beine brennen vor schmerz, egal ob beim fahren oder laufen. Mein Kreuz fühlt sich selbst wenn ich den Rucksack abnehme an, als ob er noch drauf wäre. Mein Kopf, naja, von aussen ganz in Ordnung, aber innen ein Mix aus Verzweiflung, Totesangst, Kummer und solchen Sachen. Und trotzdem kann ich nicht anhalten, weil Kosta noch fährt und nur stumpf mit eiserner Miene schaut ob ich nachkomme.


Milano Park

Aber nun zu den guten Seiten. Als aller erstes, die Frauen. Oh porco dio! Die italienischen Frauen müssen im Alter von 18 Jahren wahrscheinlich alle nen Kurs in “Sexy Moving” belegen, sonst dürfen sie nicht vor die Tür oder so. Lange schwarze Haare, gesunde Bräune und Beine bis zur Fontanelle an jeder Ecke. Es fällt mir sichtbar schwer mich auf den fließenden Verkehr zu konzentrieren, also steige ich ab und schiebe. Das war dann auch der Grund warum sich Kosta und ich verloren haben. Und wenn man in Italien ist und fragt wo bist du, und bekommt die Antwort: “An der Agip-Tankstelle.”. Dann ist das Ungefähr das selbe wie: “Unter ‘nem Baum.” Aber nach einer Stunde hatte ich dann alle Agips abgeklappert und wir waren wieder zu zweit.

Eigentlich wollten wir uns in einem besetzten Haus ausruhen, welches Kosta von einer frühere Reise kannte, daß dieses geräumt wurde merkten wir aber erst als der Bewegungsmelder ein lautstarken Alarm auslöste, der quer durchs ganze Viertel hallte. Allerdings ist 8:00 Uhr ja eine super Zeit zum Aufstehen. Auch für Italiener. Also ab durch die Mitte, weg vom Lärm immer weiter ins Stadtzentrum. Plan B war dann der Zentralpark, denn ab 12:00 war es zu heiß um sich mit 50 Kilo Gepäck zu bewegen. Also unter einen Baum in den Schatten gelegt, gefrühstückt und geschlafen. Hätte mir vorher einer gesagt das Kastanienzeit ist, hätte ich wahrscheinlich auch länger gepennt, aber eine sich direkt über mir befindliche Hülsenfrucht nutzte die Schwerkraft, um mir mit vollem Elan in die Visage zu stürzen.

Kosta & Kaisa in Milano

Die letzte Etappe von Como über Candu nach Milano war der absolute Hass, geschätzte 1000 Höhenmeter, die tatsächlich nur bergauf verlaufen zu scheinen, bei Nacht und ohne Bürgersteig oder ähnlichem. Wenn man in Italien mit dem Rad unterwegs ist, merkt man das als erstes an den Bürgersteigen. Falls sie existieren, haben sie diese Bezeichnung nicht verdient, zu mindestens außerorts … erinnert mich persönlich sehr an die Straßenqualität um die Wende. Aber nichts desto trotz erreichen wir unsere Zwischenetappe Candu nachts gegen 1:00 Uhr und hatten das Glück das die lokale Bahnstation für uns nicht verschlossen war. Dies besorgte uns zwar auch etliche Gesellschaft, aber wer will sich schon mit zwei Atzen wie uns messen. Während Kosta noch die Energie besaß ein Video zu schneiden und zu bearbeiten, war bei mir alles vorbei. System Error. Keine 5 Minuten und ich war weg, eingeschlafen auf einer Holzbank in einem alten Bahnhof.
Am nächsten Morgen war ich arg verwundert darüber, wie körperliche Schmerzen durch Schlaf verschwinden. Zwar waren Schultern, Waden und mein Kreuz noch ziemlich gereizt, aber ich war auf jeden Fall in der Lage bis nach Milano Centre zu fahren. Wir erreichten Mailand gegen 8:00 Uhr. Im Gegensatz zur Schweiz das absolute Kontrastprogramm. Hektik, Lärm und Schmutz soweit das Auge reicht. Ich will nicht sagen das Italien dreckig ist, das wäre übertrieben, aber im Vergleich mit unseren bisherigen Stationen bin ich durchaus überrascht.

Abends dann Kulturprogramm, quer durch die Innenstadt, ich weiß nicht warum, aber irgendwie zieht es mich immer als erstes zum Dom. Dabei habe ich mit der Kirche genauso viel am Hut, wie der Papst mit Verhütung. Danach ging es umzingelt von Motorrollern Richtung Milano Centrale, dem Hauptbahnhof, vorbei an Modeläden und Kunstgalerien. Am Hauptbahnhof lernten wir dann Salam kennen, einen Tunesier, der einen langen Weg hinter sich hatte und auch danach aussah. Er war anscheinend Flüchtling und erzählte uns viel von seinem Leben und dem Traum von Italien. Außerdem trafen wir uns mit Iman, einem Freund aus L.A., der zum ersten Mal Europa erkundet. Nach einem intensiven Austausch über den American Way of Live und fantastischen Erzählungen von Venice Beach und Hollywood, war er sichtlich erfreut etwas von Europa, Mailand und Frankreich zu erfahren. Und wer weiß, vielleicht werden wir irgendwann die Route 66 mit dem Klapraad entlang rollen.
Zum Abschluss trafen wir Gustav, der uns ein Stück aus Mailand mitnahm und so sind wir wieder auf Kurs Richtung Málaga. Entlang der Côte d’Azur, vorbei an Genova und im Licht der aufgehenden Sonne.
Bella Italia…


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